Denkzeit - Einsamkeit im Alter

 

„Bekommen Sie Besuch?“ Mit dieser Frage startete unser Pfarrer in der letzten Woche den evangelischen Gottesdienst im  hiesigen Seniorenzentrum. Nach einigen verdutzten Blicken eifriges Kopfnicken. Doch ja, besucht werden die meisten hier. Aber dann kam die zweite Frage: „Bekommen Sie genug Besuch?“ Da stimmten schon deutlich weniger Bewohner zu und einige schauten skeptisch bis traurig. Der Pfarrer ließ nicht locker: „Was wäre denn, wenn Sie gar keinen Besuch bekämen?“ Die Antworten lauteten von „dann hätte ich ja niemanden zum reden“ über „dann würde ich mich einsam fühlen“ bis hin zu „dann würde ich nicht wertgeschätzt.“

 

Ich bin erschüttert. Da wohnen ca. 200  Menschen in einem Seniorenzentrum und sagen, sie hätten niemanden zum Reden und würden sich einsam fühlen. Also scheint es ja nicht darum zu gehen, mit irgendjemandem zu reden, sondern mit vertrauten Menschen: Mit den Kindern, der Familie, mit Freunden oder ehemaligen Nachbarn. Das scheint mir nachvollziehbar, wissen alle diese Menschen doch um die eigene Vergangenheit, können alte Geschichten erzählen oder die neuesten Nachrichten aus der Nachbarschaft überbringen. Und natürlich sind vertraute Menschen auch eher die Empfänger für Sorgen und Nöte oder helfen bei der Entscheidungsfindung, wenn es zum Beispiel um gesundheitliche Themen geht.

 

Ich bin trotzdem davon überzeugt, dass es Wege aus dieser Einsamkeit gibt, Wege heraus dem. Gefühl, von anderen Menschen abgetrennt oder abgeschnitten zu sein. Aber das hat auch mit der eigenen Bereitschaft zu tun, auf andere Menschen zuzugehen, sich auf neue Dinge einzulassen oder über seinen Schatten zu springen. Ja, das ist im Alter nicht immer leicht – viele können nicht mehr so unbeschwert wie in jungen Jahren ein Gespräch mit  fremden Menschen anfangen. Aber wäre es nicht einen Versuch wert? Nahezu alle alte Menschen haben in ihrem langen Leben  interessante Dinge erlebt. Vielleicht gibt es Gemeinsamkeiten wie Geburtsort, Beruf oder Hobbies. Nur in einem Gespräch können wir diese Dinge von anderen erfahren und unseren eigenen Beitrag leisten. Ich möchte heute dazu ermutigen, sich nicht in eine gefühlte Einsamkeit zurückzuziehen, sondern vielmehr zu überlegen, was Sie an dieser Situation ändern könnten. Fragen Sie doch einmal, wie andere Menschen Kontakte geknüpft haben oder bitten Sie vertraute Personen  um Unterstützung.

 

Der erste Schritt ist entscheidend, danach läuft vieles wie von selbst. Seien Sie mutig und überwinden Sie eine mögliche Einsamkeit. Denn jeder Mensch ist bedeutsam und hat interessantes zu erzählen. Und vielleicht genügt es ja am Anfang auch, erst einmal zuzuhören. Auch das kann sehr befriedigend sein und Ihrem Gesprächspartner das Gefühl von Wertschätzung vermitteln. Womit wir wieder am Anfang des Artikels wären…

 

Wie sagte schon Johann Wolfgang von Goethe: „Wer sich der Einsamkeit ergibt, ach, der ist bald allein.“

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Beratung und Kontakt:

Birgit Clüsserath

 

Bucerstr.8

47447 Moers

 

info@birgit-cluesserath.de
Tel.: +49 (0) 172 277 0448

        +49 (0) 2841 1733749